Long Covid – und meine Reise zurück ins Leben
Dies ist meine Geschichte, wie ich nach zwei Jahren postviraler Fatigue heilen konnte. Ich schreibe sie, um allen Mut zu machen, die vor derselben Herausforderung stehen. Möge dieser Bericht Zuversicht spenden und vielleicht ein Hinweis auf eurem Heilungsweg sein.
Ich war 33 Jahre alt, als ich im Februar 2022 an Covid erkrankte. Es war eine heftige Grippe während zwei Wochen mit ausgeprägter Erschöpfung und wandernden Symptomen ohne weitere Komplikationen. Doch in den Monaten danach blieb eine bleierne Erschöpfung, das permanente Gefühl eines angeschwollenen Kopfes, Schwindel, Herzklopfen und einen schnell steigenden Puls. Wenn ich an besseren Tagen versuchte zu Joggen, zu Staubsaugen oder mit dem Fahrrad an den Bahnhof zu fahren, verschlechterten sich die Symptome jedes Mal. Hinzu gesellten sich Bauchkrämpfe, Druck auf den Ohren, Enge in der Brust, Schlafstörungen, Gehirnnebel, ein verschwommener Blick, eine gestörte Temperatur-Regulierung und eine hohe Empfindlichkeit gegenüber sensorischen Reizen. Eine seltsame Reihe von Symptomen, für die meine Ärztin keine Erklärung hatte, ausser: Long Covid.
Erst nach vier Monaten ging es mir etwas besser. Es war Frühling, ich zog in eine neue WG, fastete fünf Tage lang, machte Atemübungen und sanftes Yoga. Mitte Juni ging es mir so gut, dass ich mit dem Zug nach Berlin reisen konnte, und auf dem Rückweg dachte ich nichts weiteres, als ich von meinem verspäteten ICE auf den Anschlusszug rannte. Zwei Tage später hatte ich Fieber. Und dann waren all die Symptome wieder da. Hinzu kamen nun auch noch starke Muskelverspannungen, eine hohe Reizbarkeit und eine leicht zu triggernde Wut.
Ein tiefer Fall
Ich sagte Arbeitsaufträge und Reisen ab. Ich versuchte es diesmal mit einer Sauerstoff-Therapie, bei der ich auf einem Standfahrrad mit Sauerstoff leicht trainierte, während mein Puls und meine Laktat-Werte überwacht wurden. Doch nach jedem Mal ging es mir etwas schlechter. Und nach dem dritten Mal kam der grosse Crash. Ich konnte keine 20 Meter mehr gehen ohne starke Symptome. In der Nacht erwachte ich hyperventilierend mit Atemnot, die sich erst nach Stunden wieder legte. Von da an verbrachte ich zwei Monate lang zuhause zwischen Bett, Küche und Hängematte. Wenn es gut ging, konnte ich eine halbe Stunde lang lesen oder am Handy scrollen. Ich nahm Artemisia Annua und machte Leberwickel. Doch das Einzige, was half, war völlige Ruhe. Für Tage, für Wochen, für Monate. Zum Herbst hin liessen die Symptome allmählich etwas nach. Im September versuchte ich es erneut mit Fasten. Obwohl ich nach drei Tagen abbrach, weil die Symptome zu stark wurden, erlebte ich eine leichte Besserung. Ich konnte wieder gemächlich mit dem Hund spazieren. Doch an Arbeiten war nicht zu denken.
Ich erinnere mich gut an meinen 34. Geburtstag. Es war ein regnerischer Herbsttag. Meine Eltern kamen zu Besuch und wir gingen an den nahe gelegenen See, wo wir auf einem Kinderspielplatz unter einen Kletterturm kauerten, um Schutz vor dem Regen zu suchen. Es war eines der wenigen Male in meinem Erwachsenenleben, dass ich vor meinen Eltern geweint habe. Alle meine Worte wurden zu Tränen und Schluchzern. Seit sieben Monaten lag mein Leben auf Eis, waren meine Pläne abgesagt, verbrachte ich meine Tage in einer verschwommenen, einsamen Leere. Niemand schien die Ursache dieser mysteriösen Krankheit zu kennen, zu wissen was sie heilen würde, und über meinem Schicksal schwebte die düstere Vorstellung, dass sie unheilbar sein könnte.
Ich ging nun einmal die Woche in eine ayurvedische Massage. Das tat mir gut, auch wenn die Hinreise mit dem Zug sehr anstrengend war und sich das Überqueren der Fussgängerstreifen anfühlte, als wäre ich 90 Jahre alt. Doch eine wirkliche Besserung schien in weiter Ferne. So entschied ich mich für eine Kur in einer ayurvedischen Klinik in Indien. Ich bin in meinem Leben viel gereist, Indien fühlte sich vertraut an und ich plante die Reise minutiös: Mit dem Taxi zum Flughafen, sechs Stunden Flug nach Doha, 24 Stunden Ruhe im Hotel, vier Stunden Flug nach Calicut, drei Tage Ruhe im Hotel, vier Stunden im Taxi zur Klinik.
Ich blieb zwei Monate. Die ersten Wochen ernährte ich mich von Kürbissuppe, Süsslimette und Wassermelonen, erhielt täglich Einläufe, Selleriesaft, Massagen und pflanzliche Medikamente. Ich pendelte zwischen Bett, Behandlungsraum, Hängematte und Esstisch – und mein schlanker Körper verlor ganze sieben Kilo. Ich war extrem schwach. Als ich endlich wieder einigermassen normal essen konnte, kam als erstes die Freude zurück. Die Symptome waren noch da, ich konnte nur wenige hundert Meter gehen, hatte einen konstanten Druck auf den Ohren und schlief nur vier oder fünf Stunden. Aber ich fühlte eine grosse Freude und Dankbarkeit, für die ich ein frühmorgendliches Ritual kreierte. Und ich hatte Lust zu tanzen. Zuerst wippte ich nur leicht hin und her, bis ich mich immer intensiver zu bewegen traute. Das intuitive Tanzen sollte mich von diesem Tag an begleiten. Darin gelang es mir, mich intensiver zu bewegen und gleichzeitig ganz entspannt zu bleiben, so dass ich darauf keinen Crash erlebte.
Entlassen wurde ich ein Stück besser als ich angekommen war und mit einem strikten Ernährungsplan. Mein Geist pendelte zwischen Zweifel und Zuversicht, an der noch immer die lähmende Vorstellung nagte, dass Long Covid unheilbar ist. Ich verbrachte die nächsten zwei Monate an einem ruhigen Ort in Sri Lanka. Dann ging ich nochmal zwei Wochen in eine ayurvedische Klinik. Und endlich kam der Aufschwung. Die Symptome verschwanden. Meine Spaziergänge dehnten sich aus. Ich tastete sorgfältig meinen neu gewonnenen Belastungsradius ab. Einen Monat später konnte ich in einem klapprigen Bus während drei Stunden in ein Kloster reisen. Symptomfrei. Nur Sport vermied ich weiterhin, da ich darauf in den Tagen danach mit Symptomen reagierte – ausser beim Tanzen. Es folgten zwei weitere Monate symptomfreier Sommer-Reise-Freude. Ich ging zurück nach Indien, verbrachte einen Monat in Auroville, radelte unter der brennenden Sonne bei 40°C durch die Gegend und ass wieder vermehrt was ich wollte, auch zwei Eier zum Frühstück. Ich taumelte durch Mumbais Grossstadt-Dschungel und flog nach Rishikesh am Fusse des Himalayas, um bei einem indischen Handanalyse-Lehrer zu lernen. Am Flughafen schrieb ich meinen Eltern: Long Covid ist vorbei. Ich dachte, ich sei endlich zurück im Leben.
Der zweite Rückfall
Dann kam eine schlaflose Nacht mit feiernden Touristen vor meinem Zimmer. Der emotionale Stress einer harschen Zurückweisung, als ich mich darüber beschwerte. Draufgepackt auf vier schlecht geschlafene Nächte. Am nächsten Tag wurde ich krank. Und eine Woche später waren all die Symptome wieder da: Die Erschöpfung, der Druck im Kopf, das Herzklopfen, die Geräuschempfindlichkeit, die Schwindelgefühle, die Schlaflosigkeit. Ich verbrachte eine Woche in einem ayurvedischen Wellness-Ressort mit wenig ärztlicher Kompetenz, in dem ich für kerngesund erklärt wurde. Dann reiste ich zurück in die Klinik in Kerala und wurde kurz darauf nochmal krank. Für eine intensivere Behandlung war ich zu schwach. Der Ort schien diesmal nicht mehr der richtige für mich. Also flog ich drei Wochen später zurück in die Schweiz, mit einer ebenso minutiös geplanten Reise, diesmal in der Business-Class. Bei der Ankunft ging es mir nur leicht besser als bei der Abreise neun Monate zuvor.
Was ich aber in meinem mentalen Reisegepäck mit dabei hatte, war ein Heilungsansatz, dem ich fest vertraute. Einige Monate zuvor wurde ich auf Anthony William aufmerksam gemacht, der als Medical Medium eine Erklärung und einen ernährungsbasierten Heilungsansatz für viele chronische Krankheiten vertritt, welche er der Stimme eines Geistes in seinem Ohr entnimmt. Soweit so mystisch. Doch da die Ernährungsempfehlungen meines ayurvedischen Arztes, die mich zu drei symptomfreien Monaten führten, teilweise auf ihn zurückzugehen schienen, gab ich ihm einen Vertrauensvorschuss. Es folgten vier Monate mit Gemüsesaft, Smoothies, Sprossen, Wildkräutern, Supplementen und Rohkost, in denen es mir mal etwas besser, mal etwas schlechter ging, während das rohe Gemüse meiner Verdauung zu schaffen machte, der Zitronensaft meinen Zähnen und der Winter meiner Psyche. Meine Belastungstoleranz blieb tief und arbeiten war undenkbar. Ich verbrachte die Zeit in meinem alten Kinderzimmer bei meinen Eltern und beobachtete, wie die Blätter von den Bäumen fielen. Den Regen. Den Wind. Die Wolken. Während die Tage vor sich hin zogen. Ich verliess das Haus nur für Spaziergänge im Wald – glücklich darüber, dass immerhin dies wieder möglich war.
Neue Hoffnung: Der Lightning Process
Im Januar 2024 fiel mir ein Buch in die Hände, in dem ich erstmals von einem Training namens Lightning Process las, welches die Autorin innert weniger Wochen von einer jahrelangen chronischen Fatigue befreite. Ich war skeptisch, aber neugierig. Und ich brauchte wirklich einen neuen Ansatz, da ich das Gefühl hatte, festzustecken. Ich hörte den Audio-Einführungskurs. Und einen Monat später reiste ich nach Genf für ein dreitägiges Training. Es war meine erste Bahnfahrt seit meiner Ankunft in der Schweiz.
Die ersten Stunden im Kurs waren anstrengend. Nur schon dasitzen und zuhören beanspruchte mein System sehr. Doch bereits nach dem zweiten Tag war meine Belastungstoleranz merklich gestiegen. Am dritten Tag reiste ich am gleichen Abend nachhause und konnte mich nach einer Regulierung der aufkommenden Symptome am Abend sogar noch mit meinen Eltern unterhalten. In den Wochen darauf stiegen meine Kapazitäten laufend an und die Symptome nahmen ab. Ich konnte wieder Auto fahren, ohne mich betrunken zu fühlen. Nach zwei Wochen konnte ich erstmals wieder länger am Computer arbeiten. Ich feierte die ersten 500 Meter, die ich joggen konnte, ohne darauf einen Crash zu erleben. Den ersten Kilometer, die ersten zwei Kilometer, die ersten fünf Kilometer…
Der Lightning Process wurde vor 25 Jahren vom Gesundheitspsychologen Dr. Phil Parker entwickelt und vermittelt ein Verständnis sowie einen spezifischen Ablauf, um durch die Veränderung mentaler Zustände körperliche Prozesse zu beeinflussen. Dabei werden neuronale Abläufe trainiert, welche das Nervensystem entspannen und Heilungsprozesse ankurbeln. Der Ansatz geht davon aus, dass gewisse chronische Krankheiten einerseits mit neuroplastisch festgefahrenen neuronalen Prozessen zusammenhängen und andererseits mit sich reproduzierenden körperlichen Bedrohungsreaktionen im Nervensystem, die Heilungsprozesse sowie das Immun-, Verdauungs- und Schlafsystem schwächen. Dabei wird jedoch nicht von einer psychosomatischen Ursache der Krankheit ausgegangen, sondern davon, dass wir durch eine gezielte Einflussnahme auf neuronale Abläufe mittels mentaler Zustände die Krankheitsmuster umkehren und Heilung fördern können.
Die Freude über ein neues Leben
Ich begann diesen Beitrag zu schreiben, um meine erste 8 Kilometer lange Jogging-Runde zu feiern. Am selben Tag hatte ich zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder eine Masterarbeit fertig redigiert – in meinem alten Beruf als Lektor. Heute, vier Monate nach dem Lightning Process, laufe ich regelmässig 10 Kilometer. Ich war sogar fünf Stunden an einem Demonstrationszug durch Berlin angesichts des Völkermords in Gaza – mit all der emotionalen Intensität und gewaltsamen Festnahmen von friedlichen Protestierenden durch die Polizei. Wenige Monate zuvor konnte ich nicht einmal eine Diskussion darüber führen, da jeglicher emotionaler Stress zu tagelangen Symptomverschlechterungen führten.
Dies ist die Schilderung meines persönlichen Heilungsweges. Ich wollte sie möglichst authentisch belassen, mit all ihren Windungen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Ich fand mich in diesen zwei Jahren in sehr vielen dunklen Momenten wieder, in denen die Möglichkeit einer Heilung in schier unerreichbarer Ferne zu liegen schien, und doch mein wichtigstes Werkzeug blieb – zusammen mit der liebenden Akzeptanz dafür, wie es gerade ist, mit der Ruhe, dem Rückzug, der Gelassenheit und dem Vertrauen in den Prozess. Ich schreibe diese Worte mit tiefem Mitgefühl für alle, welche von dieser Krankheit betroffen sind. In Dankbarkeit für den Moment, in dem ich heute angekommen bin, für all die Unterstützung, die ich erfahren durfte, und für ein Gebet, das mir Indien mitgegeben hat: Mögen alle Wesen glücklich sein, mögen alle Wesen frei von Krankheit sein, mögen alle Wesen das Gute sehen, möge niemand leiden.
ॐ सर्वे भवन्तु सुखिनः
सर्वे सन्तु निरामयाः।
सर्वे भद्राणि पश्यन्तु मा कश्चिद्दुःखभाग्भवेत।
ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः॥

